„Unser Nachbar Polen – 1000 Jahre wechselvoller Geschichte“
Unter diesem Titel fand vom 26. bis 29.März das Seminar des Landesverbandes Niedersachsen des DFR an der Politischen Bildungsstätte Helmstedt statt. Neben interessanten Vorträgen wurde das Seminarprogramm durch Exkursionen abgerundet. Den nachfolgenden Detailbericht hat eine der Teilnehmerinnen verfasst:
Polen blickt auf eine lange, wechselvolle Geschichte zurück, die durch seine geographische Lage zwischen Russland und Deutschland besonders geprägt wurde. Aber was wissen wir über unseren Nachbarn Polen?
Dank der landeskundlichen Einführung zu Beginn des Seminars auf jeden Fall folgendes: die ca. 38 Millionen Einwohner leben in 16 Woiwodschaften (entspricht unseren Bundesländern) bei einer Bevölkerungsdichte von 124 Ew /km². 60% der Menschen wohnen und arbeiten auf dem Land, in Polen gibt es – noch - die meisten Bauern Europas. Aber vor allem die kleinen Familienbetriebe haben in den letzten Jahren enorme Schwierigkeiten, sich gegen die großen Pächter zu behaupten. Die kommen teils aus dem westlichen Ausland mit neuesten Maschinen und Zuschüssen von der EU und erzielen auf weiten Ackerflächen viel höhere Erträge zu niedrigeren Preisen als der kleine Bauer mit Pferd und Wagen. Dass dessen Produkte Bioqualität haben, zählt nicht, seine Erzeugnisse werden ihm oft nicht einmal mehr abgenommen.
Umweltschutz steht in Polen nicht an erster Stelle. 11% der Gesamtfläche des Landes sind so belastet, dass sie ökologisch gefährdet sind. Weder werden Umweltstandards eingehalten noch erneuerbare Energien vorrangig behandelt. Der Bau mehrerer neuer Kernkraftwerke ist in Planung.
Das schulische Bildungssystem ist zentralisiert und somit im ganzen Land verbindlich. Die Schulzeit dauert je nach angestrebtem Abschluss 12 -15 Jahre. Der Kindergartenbesuch ab 3 Jahren ist kostenlos, die Vorschule ab 5 Jahren muss verpflichtend besucht werden. Die Klassen sind mit 20 – 25 Schülern erfreulich kleiner als in Deutschland
Polen kämpft gegen eine sinkende Geburtenrate bei gleichzeitiger starker Abwanderung der Einwohner ins Ausland. Warum entschließen sich die Menschen, ihre Heimat zu verlassen? Das größere Angebot an Arbeitsplätzen und höhere Löhne außerhalb Polens ermöglichen ihnen einen höheren Lebensstandard als im eigenen Land. Dort sind die Preise vielfach fast auf Westniveau gestiegen, die Löhne und Renten hingegen nicht im selben Maße angepasst worden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, es wird aber keinerlei Unterstützung gezahlt
95% der Bevölkerung gehören der katholischen Religion an, es folgen Protestanten und andere Religionsgemeinschaften.
In Wort und Filmbeiträgen erfolgte der abwechselungsreiche Streifzug durch die Geschichte Polens, das sehr oft zum Spielball der benachbarten Mächte wurde. Ab 1226 christianisierten die Kreuzritter die heidnischen Stämme und erhielten dafür Land. 300 Jahre später wurde das Reich des Deutschen Ordens niedergerungen und Polen vom Ordensstaat zum weltlichen Herzogtum. Nach einer weitgehend friedlichen Phase des zeitweilig riesigen Königreichs Polen kam es 1772 zur ersten der drei Teilungen Polens, die das Land wieder unter fremde Herrschaft stellten. Der Nationalstolz der Polen und die katholische Kirche als Hort des Widerstandes blieben aber immer erhalten und wirkten als Vorbild für andere Völker wie etwa im Deutschland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Charakteristisch für diesen Mut und Stolz ist die Textzeile in der polnischen Nationalhymne „Noch ist Polen nicht verloren“. Nach dem 1. Weltkrieg entstand Mitte der 1920-er Jahre ein nun wieder größerer Staat mit autoritärer Prägung. 1939 eroberte Deutschland nach dem Angriff auf Polen frühe deutsche Gebiete zurück und besetzte das Land. Die polnische Regierung ging ins Exil nach London. Nach Kriegsende zwang Stalin dem polnischen Volk auf brutale Weise den Kommunismus auf. Erst 1980 gelang es durch Werftarbeiter, die ursprünglich um höhere Löhne und gegen die schlechte Versorgungslage kämpften, die Gewerkschaft Solidarnosc ins Leben zu rufen und gemeinsam mit der Bevölkerung für Fortschritt und Freiheit zu kämpfen. Sowohl Lech Walesa als auch der damalige Papst Karol Wojtyla sind aus dieser Freiheitsbewegung nicht weg zu denken. Gorbatschow war weiterer Wegbereiter zum modernen Polen, an dessen Spitze heute Staatspräsident Kwasinewski und Ministerpräsident Tusk stehen.
Der Exkursionstag nach Frankfurt/ Oder war nichts für Langschläfer, weil schon um 6:30 Uhr der Bus in Helmstedt abfuhr. Doch 3 Stunden später beim Besuch der Stasi-Unterlagen-Behörde in Frankfurt wurde auch die Letzte von uns munter, denn es war kaum zu glauben, was uns in kleinen Gruppen bei der Führung durch das Haus gezeigt und erklärt wurde. Bei der Überwachung des eigenen Volkes war die Stasi wirklich vor nichts zurück geschreckt! Näheres hierzu ist auch unter folgendem Link zu finden: http://www.bstu.bund.de/DE/BundesbeauftragteUndBehoerde/Aktuelles/2012_03_30_landfrauen.html
Beim anschließenden geführten Stadtrundgang überschritten wir auch die Oder, um einen Blick in die polnische Stadt Slubice zu werfen. Hier hat ein eigens gegründeter Verein mit einem Augenzwinkern den fiktiven Stadtteil Slubfurt geschaffen, um im Sinne der Völkerverständigung Deutsche und Polen zusammen zu führen. Ein Stadtmäuerchen zum Sitzen und gemeinsame Aktionen zwischen Deutschen und Polen sollen dazu beitragen, Heimatgefühle in einer geteilten Stadt mit erheblicher Abwanderung zu entwickeln.
Am späten Nachmittag stand im Frankfurter Rathaus das Treffen mit der Gleichstellungsbeauftragten auf unserem Programm. Hier erfuhren wir, dass vor allem die Perspektivlosigkeit ein ganz großes Problem ist. Die hohe Arbeitslosigkeit von 20% wirkt vor allem auf Frauen, die zu DDR – Zeiten Vollbeschäftigung gewohnt waren, geradezu lähmend. So gelingt es auch nicht, ehrenamtliches Engagement ins Leben zu rufen. Kinderbetreuungsplätze für jede Altersstufe sind, so versicherte uns die Gleichstellungsbeauftragte, ausreichend vorhanden.
Fazit: Wir haben während des vielseitigen und abwechselungsreichen Seminars viel über Geschichte und Gegenwart unseres Nachbarlandes Polen erfahren. Die Möglichkeit, zeitgleich mit fast 50 Personen –aufgeteilt in 2 Gruppen - in der PBH teilnehmen zu können, ist durchweg positiv aufgenommen worden. Außerhalb der Seminarzeit haben wir ja alles gemeinsam unternommen und regen Austausch untereinander pflegen können: In den Pausen, während der Mahlzeiten, gemeinsamer Spaziergänge durch den nahen Wald oder nach Helmstedt – City. Und die gemütliche Abendrunde in der „Kellerklause“ soll hier keinesfalls vergessen werden!



